Lernen mit Spass und Ernst

Ihre Uniformjacke ist orange, sie ­regeln den Autoverkehr und zeigen, wo an Glühwürmchen-Abenden parkiert werden soll. Doch als Verein sind die Verkehrskadetten Schaffhausen mehr – eine Lernorganisation für Jugendliche mit dem Ziel, sie in ihrer Entwicklung zu fördern.

Marcel Müller Präsident Verkehrskadetten SH Geboren am 18. Juli 1968, ist diplomierter Betriebsökonom, Controller und Berater für systemische Organisationsentwicklung mit Erfahrung in mehreren international tätigen Schweizer Unternehmen. 2006 unternahm er eine grosse Studienreise nach China, seit 2008 ist er Präsident der Verkehrs­kadetten Abteilung Schaffhausen. Seine Hobbys sind Schwimmen, Wandern, Yoga, ­Lesen, klassische ­Musik und Theater.

Alle Hände voll zu tun: Verkehrskadett als grosses Glühwürmchen beim Regeln des Verkehrs vor dem Waldfriedhof an einem der Glühwürmchen-Abende. BILD rac

Feven, Nadine, Aline, Sean und Joshua (v. l.). BILD US

Feven (Mitte) wird zur Adjutantin brevetiert.

Mancher tritt mit genauen Vorstellungen ein.

Fachgerechtes Bergen aus einem Unfallauto. BILDER rac

Ulrich Schweizer

«Das Leisten des Verkehrsdienstes als Beitrag zur Verkehrssicherheit gibt unseren Jugendlichen die Möglichkeit, Fähigkeiten zu erwerben, zu festigen und auszubauen», sagt Marcel Müller, der Präsident der Verkehrskadetten Abteilung Schaffhausen, zu Beginn unseres Gesprächs. «Unsere Motivation ist die Entwicklung der uns anvertrauten Jugendlichen. Unsere Ziele sind der Aufbau von Wertschätzung gegenüber sich selbst und gegenüber Mitmenschen, Selbständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Teamfähigkeit und Führungskompetenz.»

Es gehe darum, Sozialkompetenz zu entwickeln: «Jugendliche lernen am meisten aus dem eigenen Tun und aus den Fehlern, die dabei passieren. Und Lernen, das heisst: zuschauen, abgucken, selbst ausprobieren, üben und das Gelernte anwenden. ‹Erfahrungen vererben sich nicht. Jeder muss sie alleine machen›, hat Kurt Tucholsky gesagt. Die Entwicklung von uns Menschen findet über längere Zeitspannen statt. Sich selbst etwas zuzutrauen, braucht äussere und innere Anerkennung. Erst dadurch bin ich bereit, Erfahrungen zu machen, und diese wiederum führen zu Selbst­annahme, Selbstwertgefühl und Reflexion.»

Direkter sozialer Kontakt ist wichtig

«In den letzten zehn Jahren haben sich viele Änderungen im Umfeld der Jugendlichen ergeben – in der Beziehung zu den Eltern, in ihrer sozialen Entwicklung in der Schule und in der Freizeit», hält Müller fest. Die Tragfähigkeit von Beziehungen zwischen Jugendlichen und ihren Eltern sei zurückgegangen, Schulen könnten die Entwicklung von Sozialkompetenz alleine nicht fördern. «Die Fähigkeit, andere Menschen zu respektieren, zusammenzuarbeiten, Anstand zu zeigen – unabhängig von Konfession und Herkunft –, ist im Schwinden begriffen. Konflikte zwischen Minderheiten werden häufiger, gegenseitiges Verständnis und Empathie nehmen ab.» Die digitale Entwicklung führe zusätzlich zu einer Vereinsamung von Jugendlichen, trotz oder gerade wegen der Illusion, via soziale Medien jederzeit mit jedem in Verbindung zu sein. «Doch Menschen brauchen den direkten sozialen Kontakt für ihre physische und psychische Gesundheit und für die Entwicklung ihrer sozialen Kompetenz», ist Müller überzeugt.

Stetig zunehmende Verantwortung

Konkret: Wer mit zwölf Jahren in die Verkehrskadetten Schaffhausen eintritt, erwirbt am Anfang eine Basiskompetenz, macht in den Einsätzen Erfahrungen, lernt daraus, entwickelt Freude an der Zusammenarbeit mit Gleichaltrigen und gewinnt Selbstwert und Selbständigkeit.

In höheren Funktionen kommt Grad für Grad die Bestätigung durch immer anspruchsvollere Aufgaben hinzu – die Bereitschaft, Verantwortung für jüngere Mitglieder zu übernehmen, Sensibilität für die Wertschätzung, die man empfängt – in höheren Funktionen aber auch geben muss.

Vom Korporal über den Wachtmeister zum Adjutanten, vom Leutnant über den Hauptmann und Major bis zum Obersten, um nur die wichtigsten Grade zu nennen, nimmt die Erfahrung dank Bewährung in immer komplexeren Aufträgen und verantwortungsvolleren Funktionen stetig zu. – Ist diese Hierarchie mit militär­ischen Rangbezeichnungen nicht zu hart, zu streng definiert? «Diese Ränge bilden keine Wertigkeit der Person», beschwichtigt Müller, «sie sind rein funktional, etwa so wie bei der Feuerwehr. Alle unsere Mitglieder haben denselben Wert im respektvollen Umgang miteinander.» Mit jeder Rangstufe, so Müller, kommen Eigenmotivation und strategisches Denken hinzu, dazu die Aufgaben, Prozesse zu leiten und zu entwickeln, Lernende zu begleiten und eine eigene wertschätzende Haltung zu entwickeln. «Die Verkehrskadetten Schaffhausen sind eine Lernorganisation und bieten Jugendlichen innerhalb eines definierten Rahmens einen Erfahrungsraum, in dem sie über das Machen von Erfahrungen in den Funktionen als Verkehrskadett, später als Führungskraft, ihre sozialen, fachlichen und leistungsmässigen Fähigkeiten prüfen, anwenden und entwickeln.» Die Entwicklung der Verkehrskadetten wird intern unter drei Perspektiven gesehen:

– Leistungsperspektive: Erfüllung der Kundenbedürfnisse, Organisation der Einsätze, Qualitätssicherung und Überprüfung der Kundenzufriedenheit: Dabei steht die Entwicklung von Leistungsfähigkeit und Selbständigkeit im Vordergrund.

– Fachperspektive: Beherrschung der Fach- und Methodenkompetenzen nach Stufen: Hier geht es darum, die fachlichen und methodischen Fähigkeiten (Verkehrsdienst, Sanität, Funken, Planung/Leitung von Einsätzen usw.) nach und nach aufzubauen und zu verstärken.

– Förderungsperspektive: Sozialkompetenzen wie Selbstvertrauen, Selbstwert, Teamfähigkeit, Wertschätzung, Führungskompetenz: In der Förderungsperspektive steht die Entwicklung der Sozialkompetenz im Fokus.

Praktisch bedeutet das, dass die Jugendlichen je nach Alter und Ausbildungsstufe freiwillig Ausbildungen in Sozial- und Führungskompetenz besuchen können. Alle Ausbildungen sind auf der Basis vom Selbsterfahrungslernen und Reflexion aufgebaut und wurden aus Management- Development-Programmen von Erwachsenen übernommen und den Bedürfnissen und dem Alter der Jugendlichen angepasst. «Wenn wir neue Mitglieder willkommen heissen, ist es am Anfang wichtig, den Konkurrenzdruck um die Aufmerksamkeit wegzunehmen», erzählt Müller. «Denn es geht um gemeinsame Entwicklung, nicht um Konkurrenz.» Mittlerweile wird in einem Startworkshop der Grundausbildung über ein Wochenende darauf Wert gelegt, sich kennenzulernen – die Aspirantinnen und Aspiranten haben eine halbe Stunde Zeit, um je ein Plakat zu zeichnen, dann stellt sich jede und jeder mit seinem Plakat der Gruppe vor. «Es gibt immer mehr Geschwister von Mitgliedern, die auch zu uns kommen», konstatiert Müller zufrieden, ja fast ein bisschen stolz.

«Wir Verkehrskadetten stellen die ordentliche Abwicklung des Verkehrsflusses an Ihrer Veranstaltung sicher – und Sie leisten mit Ihrem Auftrag gleichzeitig einen Beitrag zur Entwicklung der Sozialkompetenz von Jugendlichen», sagt er an die Adresse von Entscheidungsträgern in Gemeinden, Vereinen und Unternehmen.

«Ich hatte voll Bock mitzumachen»

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